DIE STOLPERFALLE
Was hilft, wenn Pferde ständig stolpern
Text: Heidrun Schmitz
Bleibt Ihr Pferd an jeder Wurzel im Wald hängen oder scheint es selbst in der Halle ständig über seine eigenen Hufe zu fallen? Lesen Sie, welche medizinischen und reiterlichen Ursachen Stolpern haben kann und welche Übungen Abhilfe versprechen.
Stolperkandidaten, die bei jeder Unebenheit oder einfach so im Schritt ins Straucheln geraten, werden nicht selten für unaufmerksam, ungeschickt und tollpatschig gehalten. Tatsächlich ist Stolpern manchmal allein ein reiterliches Problem, das durch gezieltes Training gelöst werden kann. Es kann aber auch am Alter, an einem zu schweren Reiter, falschen Beschlag oder Ermüdungserscheinungen liegen. Als erstes sollten jedoch medizinische Ursachen geklärt werden.
Ein Symptomfür viele Krankheiten
«Stolpern kann Anzeichen für diverse gesundheitliche Probleme sein», sagt Pferdeosteopathin Anne Hoffmann. «Orthopädische Probleme im unteren Beinabschnitt können daran schuld sein, dass das Gangwerk nicht mehr optimal funktioniert, das Pferd nicht ausbalanciert läuft und dadurch stolpert. Hierzu zählen Gelenkspalten-Verknöcherungen am Vorderfusswurzelgelenk und im Fesselbein, Schmerzen im Hufrollenbereich (das Pferd fusst auf der Hufspitze und stolpert dadurch) und Erkrankungen des Sehnenapparates. Rückenschmerzen können den gleichen Effekt haben.»
Neben den mechanischen Bewegungsstörungen können sich hinter den unschönen Rumplern neurologische Probleme verbergen, die im Gehirn und Rückenmark Ausfälle bei den Steuerungsprozessen für die Bewegungskoordination auslösen. «Ursachen können zum Beispiel eine Herpesinfektion, Epilepsie oder Ataxie, die in verschiedenen Bereichen des Zentralen Nervensystems auftreten kann, sein», so Hoffmann. Laut der Pferdeosteopathin aus Köngernheim gibt es Anzeichen, an denen auch der Laie erkennen kann, ob das Straucheln medizinische Ursachen hat. «Störungen im Bewegungsapparat bereiten früher oder später Schmerzen, auf die Verhaltensweisen, die früher nicht auftraten, hinweisen können. Drückt das Pferd beim Satteln oder Putzen den Rücken weg oder wölbt ihn extrem auf? Legt es die Ohren an oder beisst? Auch eine nicht symmetrisch ausgebildete Muskulatur kann ein Zeichen sein.»
Manchmal kann bei Stolperproblemen der Hufschmied weiterhelfen. So wie wir mit zu kleinen oder grossen Schuhen oder zu hohen Absätzen nur mühsam vorwärts kommen und schnell im Gelenk umknicken, macht auch falscher Beschlag die korrekte Bewegung des Pferdes unmöglich. «Auch einige Fehlstellungen begünstigen Stolpern», weiss Anne Hoffmann. «Eine zu lange Zehe verlängert den Hebelarm, dass heisst, es wird mehr Kraft zum Abrollen benötigt, die Gelenke und Sehnen werden stärker belastet. Der Huf wird langsamer, da der Weg, bis der Huf den Boden verlässt, nun länger ist; Stolpern ist die Folge.
Rückständigkeit (eine Senkrechte vom Buggelenk zum Boden verläuft durch die Hufspitze oder vor dem Huf, die Vorderbeine sind etwas unter den Körper gestellt): Dadurch dass die Gliedmassen zu weit unter dem Pferdekörper stehen, verkürzt sich die Vorführphase (das Pferd muss früher fussen), das Stützbein muss höheres Gewicht tragen. Das kann zur Überbelastung und Ermüdung der Schulter, Knochen und Bänder und das wiederum zum Stolpern führen.»
Zu schwere Last
Trägt man einen zu schweren Rucksack, die wuchtige Kommode der Nachbarin oder den 50 Kilogramm schweren Hafersack, kommt man leicht aus dem Gleichgewicht und gerät ins Stolpern. Das normale Gehen fällt schon schwer, Gymnastikübungen sind unvorstellbar. Das gleiche gilt laut Anne Hoffmann auch bei Pferden: «Ein Missverhältnis zwischen Reiter- und Pferdegewicht bereitet dem Pferd erhebliche Probleme. Als Faustregel gilt ein Verhältnis von eins zu sieben. Wiegt der Reiter also 80 Kilogramm sollte das Pferd mindestens ein Gewicht von 560 Kilogramm haben.»
Auch Barockpferde-Ausbilderin und Schaureiterin Andrea Schmitz kennt zahlreiche reiterliche Ursachen für die unschönen Rumpler: «Pferde, die tagtäglich in der Reitbahn auf ebenem Boden bewegt werden, können die Trittsicherheit auf wechselndem Untergrund verlieren. Ein Tier, das nur unregelmässig gearbeitet wird, ist entsprechend weniger konditioniert. Wird solch ein Pferd plötzlich sehr stark gefordert, kommt es leicht zu Ermüdungserscheinungen und damit zu höherer Stolperneigung.
Auch falsch verstandenes beziehungsweise übertriebenes Vorwärts- Abwärts-Reiten kann ein Pferd aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn ein Pferd von Natur aus schon weniger geschickt und ausbalanciert ist als andere, dann noch von seinem Reiter monoton, Runde um Runde, ohne Variation im Spannungsgrad vor sich hin latscht und sich die ganze Reiterei darauf konzentriert, mittels Zügeleinwirkung den Kopf irgendwie tief zu bekommen, kann aus dieser ‹Rückwärtsreiterei› das Pferd derart auf die Vorhand kommen, dass es anfängt zu stolpern.»
Stolper-Rassen?
«Einige Rassen neigen mehr zum Stolpern als andere», sagt Anne Hoffmann. «Um das zu verstehen, muss man die typische Anatomie und das Bewegungsmuster verschiedener Rassen betrachten. Schaut man sich den Fussungsbogen der Vorderbeine von der Seite an, so sieht man, dass manche Pferde die Hufe im Schritt und Trab in flachem Bogen vorführen. In der letzten Phase der Bewegung werden sie dann flach, schlurfend oder stossend auf den Boden gesetzt. Dadurch werden Unebenheiten zum Stolperhindernis. Isländer und Norweger zeigen diesen Bewegungsablauf, im Gegensatz zu den hohen, weit fussenden Arabern und Iberern, häufig auf flachem Boden (nicht im Tölt, da er höhere Bewegungen der Gliedmassen voraussetzt), während sie sehr gut an Hängen und im Gebirge laufen. Natürlich spielen auch Alter, Ermüdung, Reiten auf der Vorhand ohne Versammlung oder schlechter Beschlag eine erhebliche Rolle und können das Problem bei flach und kurz fussenden Pferden noch verstärken.» Trotz der typischen Bewegungsmuster gebe es aber bei den verschiedenen Rassen trittsichere und weniger trittsichere Pferde, weiss Ausbilderin Andrea Schmitz: «Unabhängig von der Rasse gibt es die einen, die von Natur aus mehr Körperbewusstsein besitzen und selbst genau aufpassen, wie sie ihre Füsse setzen und wohin sie laufen, und die anderen, die vor sich hinlatschen und schon bei der kleinsten Bodenwelle fast auf die Nase fallen.»
Übungen gegen Stolpern
Bei Stolperkandidaten sollten Balance, Körpergefühl und Aufmerksamkeit geschult werden. Zu diesem Zweck empfiehlt Andrea Schmitz:
• Regelmässige Ausritte auf immer wieder wechselndem Untergrund erhöhen Bewegungsgefühl und Aufmerksamkeit des Pferdes.
• Durch gezielte Handarbeit lernen Pferde, bestimmte Bewegungen bewusst auszuführen: Abwechselnd vorwärts, rückwärts, seitwärts treten lassen. Die Übungen in Ruhe ausgeführt und Halt-Pausen zwischendurch, damit das Pferd Zeit zum Nachdenken hat.
• Konzentration und Körpergefühl kann man auch durch Bodenarbeit – Stangentreten oder über eine Plane gehen lassen – verbessern.
• Weiss man, dass ein Pferd zum Stolpern neigt, kann man es während eines Ausrittes gezielt vor heiklen Stellen (Wurzeln, Bodenunebenheiten etc.) aufmerksam machen, indem man es anspricht, die Zügel aufnimmt, den Rahmen verkürzt und so mehr Körperspannung herstellt.
Das heisst nicht, dass das Pferd den ganzen Ausritt am aufgenommenen Zügel geritten werden soll, sondern erst an der unwegsamen Stelle aufgenommen wird.
Westerntrainerin Anka Rompf verrät ihre Lieblingsübungen für stolpernde Pferde:
• Drei oder vier Stangen gleichmässig auf einem Zirkel verteilen. In gutem Leichtrabtempo vorwärts traben, das Pferd in den Zwischenräumen immer sanft mit dem Zügel aufnehmen, mit dem Schenkel an den Zügel herantreiben. Etwa zwei Meter vor der Stange die Hände nach vorne geben, um dem Pferd den Platz zu lassen, seinen eigenen Weg über die Stange zu finden. So schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Ihr Pferd lernt, kurzen Impulsen nachzugeben und sich über der Stange selbst auszubalancieren. Nebenbei lernen Sie, auch mal loszulassen und werden flexibler in der Hand.
• Generell kann man durch überwiegendes Reiten an der Bande und Balanceprobleme verursachtem Stolpern entgegenwirken, indem man viel auf dem zweiten und dritten Hufschlag arbeitet (dabei immer ein Ziel suchen, auf das man zureitet) und einen Zirkel verkleinert und vergrössert.
• Bei aller Arbeit an der Balance ist es immer wichtig, Korrekturen, zum Beispiel wenn das Pferd nicht auf der gedachten geraden Linie bleibt, schräg auf die Stangen zugeht, oder den Zirkel nicht vergrössert, nicht so sehr mit den Zügeln vorzunehmen, sondern mehr mit den Schenkel- und Gewichtshilfen. So kann sich das Pferd nicht mehr am Zügel abstützen, sondern muss alleine sein Gleichgewicht unterm Reiter finden.
Die Experten
Mehr über die Arbeit der im Artikel zitierten Experten erfahren Sie im Internet:
Anka Rompf,
Westerntrainerin, www.anka-rompf.de Foto: Sven Cramer
Anne Hoffmann,
Osteopathische Pferdetherapie, www.annehoffmann.de Foto: Privat
Andrea Schmitz,
Barockpferde-Ausbilderin, Email: andreaschmitz2@gmx.de